Die Interessengemeinschaft IeV verfasste auf ihrem Kongress in Heiden (CH) folgende Resolution:


Der Schienengüterverkehr in Europa befindet sich in einer tiefen Krise. Trotz seiner strategischen Bedeutung für Klimaziele, industrielle Widerstandsfähigkeit und dem territorialen Zusammenhalt ist sein Verkehrsaufkommen seit Jahrzehnten rückläufig. Das steht im Gegensatz zu seinem Potenzial: Der Schienengüterverkehr senkt Treibhausgasemissionen, entlastet das Strassennetz und stützt zentrale europäische Wertschöpfungsketten. Diese Vorteile spiegeln sich jedoch nicht in den politischen und finanziellen Rahmenbedingungen wieder.

Die Interessensgemeinschaft europäischer Verkehrsgewerkschaften (IeV) warnt, dass Europa ohne entschlossenes Handeln einen strukturellen Zusammenbruch des Schienengüterverkehrs riskiert. Dazu zählt auch das mögliche Verschwinden des Einzelwagenladungssystems, das für industrielle Vernetzung, flexible Logistik und die Resilienz Europas unverzichtbar ist. Eine weitere Konsequenz wird der Abbau von zahlreichen Arbeitsplätzen in den Bereichen Transport, Logistik und Industrie sein.

Die IeV begrüsst die Strategie der Europäischen Kommission für nachhaltige und intelligente Mobilität sowie die Ziele, den Schienengüterverkehr bis 2030 um 50 % zu steigern und bis 2050 zu verdoppeln. Zugleich ist das europäische Schienennetz noch weit davon entfernt, diese Ziele überhaupt zu erreichen. Deshalb fordern wir ehrgeizige Modal-Shift-Ziele, um Güter auf die Schiene zu verlagern und die nötigen Mittel bereitzustellen.

Die Krise im Schienengüterverkehr hat sich seit langem abgezeichnet. Sie ist das Ergebnis jahrelanger Unterinvestitionen, unzureichender öffentlicher Unterstützung und der Auswirkungen der Liberalisierung. Um den Niedergang umzukehren, muss Europa seine Strategie für den Schienengüterverkehr grundlegend neu ausrichten.

Folgende Prioritäten streicht die IeV hervor:

1. Anerkennung des Schienengüterverkehrs als systemrelevante Infrastruktur

Angesichts seines wichtigen Beitrags für Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt fordern wir die EU­Institutionen und Europäischen Länder auf, den Schienengüterverkehr offiziell als systemrelevante Infrastruktur anzuerkennen. So lassen sich langfristige öffentliche Verantwortung und Finanzierung sichern, strategische Kapazitäten erhalten und den Schienengüterverkehr mit den Klima- und Industriezielen Europas in Einklang bringen.

2. Eine kohärente Langzeitstrategie, gestützt durch nachhaltige öffentliche Investitionen

Ein solides Schienengüterverkehrssystem braucht verlässliche, langfristige und ausreichende öffentliche Mittel. Die Investitionen sollten sich auf folgende Bereiche konzentrieren:

• Erhaltung, Erneuerung und Ausbau der Infrastrukturkapazitäten

• Verbesserung der Netzqualität und ­dichte

• Gewährleistung einer flächendeckenden Versorgung, einschliesslich Zubringerstrecken, Industrieanschlüssen und Rangierbahnhöfen

• Förderung der Erneuerung des Rollmaterials und der Instandhaltungskapazitäten

Öffentliche Verantwortung für wesentliche Schienengüterverkehrsfunktionen ist unverzichtbar. Nur so können wichtige systemrelevante Dienstleistungen betrieben werden, auch wenn sie wirtschaftlich nicht rentabel sind. Dafür braucht es ein Governance-Modell, das Kontinuität, Qualität und langfristige Planung sichert. Staatliche Beihilfen (Fördermittel) im Schienengüterverkehr sollen daher dauerhaft gewährt werden können.

3. Strategische Förderung des Einzelwagenladungsverkehrs

Der Einzelwagenladungsverkehr (EWLV) ist ein unverzichtbarer Bestandteil der europäischen Industrieund Logistikinfrastruktur. Er ermöglicht es, regionale Unternehmen, kleinere Produktionsstätten und strategische Industriezweige zu bedienen, die keine Ganzzüge füllen können. Ohne EWLV würden diese Verkehre weitgehend auf die Strasse verlagert, mit mehr Emissionen, Staus und Infrastrukturverschleiss. Zudem bündelt der EWLV Volumen für grössere Ganzzüge. Seine Abschaffung hätte daher negative Folgen für Umwelt und das gesamte Schienengüterverkehrsnetz.

Der EWLV ist kostspieliger und arbeitsintensiver als der Ganzzugbetrieb, und daher besonders anfällig für Umstrukturierungen. Es bedarf daher einer gezielten operativen Unterstützung, um die Kontinuität und Modernisierung der EWLV­Dienste abzusichern. Ohne strategische Förderung riskiert Europa den Verlust eines Systems, das industrielle Wettbewerbsfähigkeit, regionale Erreichbarkeit und Funktionsfähigkeit des gesamten Schienengüterverkehrsnetzes trägt.

4. Zusammenarbeit statt Wettbewerb als Grundlage für ein europäisches Schienengüterverkehrsnetz

Der Schienengüterverkehr kann nur als Netzwerk funktionieren, wenn Bahnbetreiber zur Zusammenarbeit ermutigt werden. Aus technischen und betrieblichen Gründen kann kein einzelnes Unternehmen ganz Europa abdecken. Zusammenarbeit muss daher die Regel sein.

Daher braucht es:

• Behörden, die eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den europäischen Bahnbetreibern ermöglichen, um ein echtes europäisches Schienengüterverkehrsnetz aufzubauen

• Interoperabilität und multimodale Integration, insbesondere zur Anbindung von Häfen, Logistikzentren und Industrieregionen

• die Einbeziehung grosser Logistikunternehmen in den ökologischen Wandel, einschliesslich Mindestvorgaben für die Nutzung der Schiene

• systematisches Anbindung neuer Logistikzentren an das Schienennetz

• Güterverkehrsunternehmungen, die den kombinierten Verkehr samt multimodaler Plattformen als Geschäftsstrategie einbeziehen

Der Wettbewerb hat nicht zu der versprochenen Verkehrsverlagerung geführt. Zusammenarbeit und staatliche Verantwortung müssen daher Vorrang haben.

5. Arbeitsbedingungen: Die Grundlage für Sicherheit, Qualität und künftige Einstellungen

Der Schienengüterverkehr kann nicht wachsen ohne die Beschäftigten, die ihn tragen. Schlechte Arbeitsbedingungen verschärfen jedoch den Arbeitskräftemangel und erschweren die Gewinnung neuer Beschäftigter.

Die IeV fordert daher:

• Manipulationssichere Überwachung der Arbeits­, Lenk­ und Ruhezeiten, um Sicherheit zu gewährleisten und ungerechtfertigte Überstunden zu vermeiden, ohne Kontrolle des Personals zu disziplinarischen Zwecken

• gleicher Lohn für gleiche Arbeit am selben Ort, unabhängig vom Herkunftsland

• europaweit garantierte, hochwertige und standardisierte Ausbildung

• technologische Innovationen wie die digitale automatische Kupplung – mit dem klaren Ziel, die Sicherheit zu verbessern und körperliche Belastungen zu verringern, nicht aber Personal abzubauen

• einen garantierten Zugang zu angemessenen sanitären Einrichtungen für alle Beschäftigten

Ein nachhaltiger Schienengüterverkehr muss auf menschenwürdiger Arbeit basieren.

6. Gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Verkehrsträger

Europa braucht eine integrative Verkehrspolitik, die die Vorteile aller Verkehrsträger in sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Hinsicht anerkennt. Güterverkehr von der Schiene auf die Strasse zu verlagern, weil die Strasse durch ausbeuterische Arbeitspraktiken künstlich billig gehalten wird, ist mit Europas Klima­, Sozial­ und Wettbewerbszielen nicht vereinbar. Eine glaubwürdige Strategie zur Verkehrsverlagerung muss daher:

• soziale und ökologische Folgekosten bei allen Verkehrsträgern berücksichtigen und positive Umweltwirkungen belohnen

• die Einhaltung sozialer und ökologischer Vorschriften im Strassenverkehr verbessern

• die Schiene durch eine systematische Analyse der Güterverkehrsströme in die Standortverlagerung und

Logistikplanung einbinden

Nur eine umfassende Verkehrspolitik kann den Wandel herbeiführen, den Europa braucht.

7. Solidarität mit den Beschäftigten und Aufruf zu dringendem Handeln

Die IeV bekundet ihre Solidarität mit den Arbeitnehmenden im Schienengüterverkehr und den Gewerkschaften in ganz Europa. In Umstrukturierungsprozessen müssen Entlassungen vermieden sowie Sicherheit und langfristige Tragfähigkeit des Sektors gewährleistet werden.

Der Schienengüterverkehr ist unverzichtbar für ein nachhaltiges, resilientes und sozial gerechtes europäisches Verkehrssystem. Europa muss jetzt entschlossen und gemeinsam handeln, um die Zukunft des Schienengüterverkehrs und der Beschäftigten, die ihn ermöglichen, abzusichern.

Die Zeit der unkoordinierten Anpassungen ist vorbei!