Laut einer aktuellen Studie der „Allianz pro Schiene“ ist der Zug das sicherste Verkehrsmittel in Deutschland. Das Risiko tödlicher Unfälle ist dabei 52 mal, das Verletzungsrisiko sogar rund 140 mal geringer als im Straßenverkehr.
Trotz der Tatsache, dass menschliches Versagen bei allen Verkehrsträgern die häufigste Unfallursache ist, setzt die Bahn konsequent auf moderne Sicherheitstechnik, um Fehler zu verhindern oder ihre Folgen zu begrenzen. Das System Schiene bietet dabei wesentliche Vorteile: eine eigene Trasse, Spurgebundenheit und moderne Signaltechnik sichern den Fahrweg zuverlässig ab.
Jede Zugfahrt wird zudem von einem Fahrdienstleiter ausdrücklich genehmigt, während technische Sicherheitssysteme wie ETCS Fahrdienstleiter und Lokführer überwachen und sicherheitskritische Situationen verhindern. Ergänzt wird dies durch streng kontrollierte Lenk- und Ruhezeiten sowie durch Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter, die für Sicherheit und Service an Bord sorgen.
Wo Menschen sind, da menschelt es
Die Sicherheitslage im luxemburgischen Zugverkehr hat sich in den vergangenen Jahren jedoch spürbar verschärft. Aktuelle Daten zeigen, dass der überwiegende Teil der Gewaltvorfälle im öffentlichen Verkehr in Zügen stattfindet. Besonders häufig kommt es zu verbalen Angriffen, doch auch körperliche Übergriffe und sexuelle Belästigungen treten vergleichsweise oft auf.
Mit einem Anstieg der Vorfälle gegenüber dem Personal von fast 32 Prozent innerhalb eines Jahres (2024–2025) sowie einem Zuwachs von über 10 Prozent bei den Vorfällen unter Reisenden wird der Zug – trotz seiner hohen technischen Sicherheit – gleichzeitig zum sensibelsten Bereich im öffentlichen Verkehr. Diese beunruhigende Entwicklung ruft uns als Eisenbahngewerkschaft auf den Plan und verstärkt unseren Einsatz für mehr Sicherheit im öffentlichen Transport.
Psychische Folgen ernst nehmen
Neben der Prävention und dem Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Gewalt gilt unser besonderes Augenmerk den psychischen Folgen eines Übergriffs sowie der Betreuung der betroffenen Kolleginnen und Kollegen nach einem Vorfall. Eine interne Befragung aus dem Jahr 2025 ergab, dass 64 Prozent angaben, bereits Opfer von Gewalt am Arbeitsplatz gewesen zu sein. Da jedoch nur 49 Prozent ihren Fall offiziell gemeldet haben, ist von einer deutlich höheren Dunkelziffer auszugehen.
Bedenkt man zudem, dass in derselben Umfrage 30 Prozent angaben, den CFL internen Betreuungsprozess nicht zu kennen, wird deutlich, dass in den Bereichen Sensibilisierung, Information und Schulung noch erheblich nachgebessert werden muss. Dass der psychische Aspekt eines Übergriffs nicht zu unterschätzen ist, zeigt auch die Einschätzung von 42 Prozent der Befragten, die glauben, häufiger Opfer von Gewalt zu werden als andere Kolleginnen und Kollegen im Betrieb.
Spiegel der Gesellschaft – aber keine Ausrede
Der Zug ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Unterschiedlichste Menschen treffen auf engem Raum aufeinander, oft gestresst, ungeduldig oder überfordert. Doch diesen Befund dürfen wir nicht als Entschuldigung verwenden.
Diese latent aggressive Haltung, die wir im öffentlichen Verkehr beobachten, zeigt sich auch in Notaufnahmen, in Schulen und quer durch den Alltag. Eine Aggression beziehungsweise ein Übergriff ist meist das Ergebnis einer Verkettung verschiedener Faktoren, die sich innerhalb kürzester Zeit hochschaukeln. Häufig beginnt es mit einer verbalen Auseinandersetzung, der Ton verschärft sich, Drohungen folgen, die Körpersprache wird zunehmend bedrohlich – am Ende stehen das Anfassen, das Schubsen oder der Schlag.
Gesellschaftliche Verrohung erklärt Gewalt, sie rechtfertigt sie aber keinesfalls. Wer im öffentlichen Raum arbeitet, hat Anspruch auf Respekt, Schutz und Würde. Punkt.
Verantwortung von Unternehmen und Politik
Selbstverständlich stehen die Verkehrsunternehmen in der Pflicht, alles zu tun, um ihre Beschäftigten zu schützen: durch Prävention, sichtbare Sicherheitskonzepte, Schulungen, Nachbetreuung und klare Abläufe im Ernstfall. Doch es wäre falsch, die Verantwortung einseitig bei den Unternehmen abzuladen.
Die Politik darf nicht länger zuschauen. Wer den öffentlichen Verkehr stärkt, muss auch den Schutz der dort arbeitenden Menschen gesetzlich, organisatorisch und finanziell absichern. Null Toleranz gegenüber Gewalt, klare rechtliche Konsequenzen, sichtbare Präsenz von Sicherheit und ein politisches Bekenntnis zum Schutz des Personals dürfen keine leeren Schlagworte bleiben.
Respekt ist eine gemeinsame Aufgabe
Gewalt im öffentlichen Verkehr geht uns alle an. Sie ist kein Randproblem, kein Berufsrisiko und kein unvermeidliches Übel. Sie ist ein Warnsignal.
Als Gewerkschaft sagen wir klar:
▶ Sicherheit ist mehr als Technik.
▶ Respekt ist nicht verhandelbar.
▶ Schutz der Beschäftigten ist keine Option, sondern Pflicht.
Zum 1. Mai – dem Tag der Arbeit – erinnern wir daran, dass Solidarität, gegenseitiger Respekt und Zusammenhalt keine nostalgischen Begriffe sind, sondern die Voraussetzung dafür, dass unser gesellschaftliches Miteinander funktioniert. Wer will, dass der öffentliche Verkehr funktioniert, muss die Menschen schützen, die ihn jeden Tag möglich machen.
Mylène Bianchy