Am 02. Februar 2026 verstarb der 36-jährige Zugbegleiter, Serkan Çalar, aus Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz, Deutschland) im Dienst. Der zweifache Familienvater wurde bei der Fahrscheinkontrolle in einem Regionalexpress von einem Reisenden ohne gültiges Bahnticket brutal angegriffen und mit Schlägen gegen den Kopf traktiert. Informationen aus der Presse zu folge, verlor Serkan das Bewusstsein und verstarb später im Krankenhaus an einer Hirnblutung.
Diese Nachricht hat uns, als luxemburgische Eisenbahnerinnen und Eisenbahner tief erschüttert. Wieder einmal wurde ein Kollege Opfer tiefer Respektlosigkeit und viel schlimmer, sinnloser Gewalt, welche Serkan mit dem Leben bezahlte.
Joël aus Petingen, Sarah aus Kautenbach oder Pedro aus Wasserbillig
Dieses Mal hiess das Opfer Serkan aus Ludwigshafen, aber es ebenso gut hätte es Joël aus Petingen, Sarah aus Kautenbach oder Pedro aus Wasserbillig sein können. Ausschlaggebend wäre nicht ein ungültiger Fahrschein gewesen, sondern vielleicht das Hören von übermässig lauter Musik im Abteil, das Blockieren der Türen des Zuges, oder gar das Bedrängen einer jungen Kundin. Denn genau dies sind Geschehnisse, denen unsere Kolleginnen und Kollegen in ihrem Berufsalltag begegnen.
Der Kontakt zwischen Reisenden und Zugbegleiter:innen wurde in einer rezenten Umfrage als gut bis exzellent beschrieben. Die Kund:innen sind mehr als zufrieden mit dem Service, der Zuvorkommenheit und der Freundlichkeit des Zugbegleitpersonals. Auch unsere Kolleg:innen geben oft an mit der Mehrheit der Reisenden überhaupt kein Problem zu haben und ihren Job gerne ausführen. Doch es bleibt dieser kleine Prozentsatz derer, die sich weigern den Regeln des Zusammenlebens in einer Gesellschaft zu folgen. Und wenn es auch nur eine geringe Anzahl ist, so sind es genau diese Individuen, die einen gewaltigen negativen Impakt auf das Leben unserer Kolleg:innen haben können, körperlich oder/und psychisch.
Vor über 10 Jahren stand die Erkenntnis
Vor über 10 Jahren kam es bei den CFL zu ersten Erkenntnissen, dass man sich dem Thema Sicherheit im öffentlichen Transport annehmen müsse, zum Wohl der Belegschaft und der Reisenden. Und seitdem gab es eine beachtliche Entwicklung, zahlreiche Massnahmen wurden ausgearbeitet und umgesetzt. Wichtig für uns als SYPROLUX, war es von Anfang an diesem Prozess beteiligt zu sein und sich aktiv können in die Entwicklung mit einzubringen.
So ist heute die CFL federführend bei der Datenerhebung der sogenannten «incident sûreté» und es ist den Kolleg:innen des Service AV zu verdanken, dass wir heute über eine vereinfachte und digitale Erfassung der Übergriffe verfügen und dies für den gesamten öffentlichen Transport.
Die Einführung der Kameraüberwachung war anfangs ein sehr heisses Eisen für uns als Gewerkschaften. Hier standen sich Schutz und Kontrolle des Beschäftigten lange gegenüber. Trotzdem haben wir es geschafft im Sozialdialog uns auf Prozesse und Massnahmen zu einigen. Und heute ist sämtliches Zugmaterial, sowie die gesamte CFL-Busflotte mit Kameraüberwachung ausgestattet. Die Überwachung der Bahnhöfe, Haltestellen und die dazugehörenden Infrastrukturen rund um diese, mittels technischer Installationen, wird fortlaufend umgesetzt.
Als SYPROLUX sind wir nach wie vor der Meinung, dass menschliche Präsenz nach wie vor der beste Schutz gegen Gewalt bietet. Deshalb fordern und unterstützen wir jeden zusätzlichen Einsatz von Sicherheitsleuten im öffentlichen Transport. 15% unserer Züge wird heute begleitet. Da ist in unseren Augen noch Luft nach oben. Wir unterstreichen die Begleitung, doch ist es für uns als SYPROLUX genau so klar, dass das externe Sicherheitspersonal unter der Autorität unserer Kolleg:innen Zugbegleiter steht, denn ihnen obliegt die Sicherheit an Bord des Zuges.
Die Aus-und Weiterbildung ist in unseren Augen das das A und O der Gewaltprävention. Deshalb unterstützen wir als SYPROLUX jede Massnahme, die es unseren Kolleg:innen im Aussendienst ermöglich sich gegen Übergriffe zu schützen und zu wehren oder sich aus Gefahrensituationen heraus zu manövrieren.
Und heute, über 10 Jahre danach?
Die aktuellen Zahlen zeigen auf, dass der Einsatz für mehr Sicherheit und mehr Schutz für Übergriffen, nicht mal um eine Haaresbreite zurückgeschraubt werden darf. Im Jahr 2025 stieg die Zahl der verbalen und tätlichen Übergriffen CFL-Mitarbeiter gegenüber um 31,48%. Die Gesamtzahl der Meldungen im Bereich «sûreté» stieg derweil nur um 3,27%.
Interpretieren ja, relativieren nein!
Die Eisenbahn ist nicht nur die Wirbelsäule des öffentlichen Transports, sondern ebenfalls ein sehr, wenn nicht sogar das sicherste Transportmittel. Nichtsdestotrotz bleibt er ein Hotspot für Übergriffe. Jetzt kann man die Anzahl der Zwischenfälle im Verhältnis zu 31 Millionen Reisenden setzen und als CFL-Verantwortliche zum Schluss kommen, dass die Lage eigentlich nicht so schlimm ist. Als SYPROLUX warnen wir vor solch einer Interpretation, da sie den Akt der Gewalt an und für sich relativiert und verharmlost.
2025 verzeichnete die CFL 284 Fälle von verbaler und körperlicher Gewalt. Das sind 284 verschiedene Schicksale, ein um vielfaches Mehr an verschiedenen ausgelösten Reaktionen bei den Opfern und oft langwierige Konsequenzen für die Betroffenen. Für uns als SYPROLUX ist daher jeder einzelne dieser 284 Fälle einer zu viel.
Ein Übergriff, ob körperlich oder verbal, im Dienst ist ein Arbeitsunfall…
… und gehört als dieses anerkannt, auch und vor allem seitens der Unfallversicherung. Es verstärkt die Wichtigkeit des Schutzes des Mitarbeiters am Arbeitsplatz und unterstreicht die Schwere der Aktion gegen den Mitarbeiter. Im Jahr 2025 wurden von 11 gemeldeten Arbeitsunfällen nur 4 Fälle als Arbeitsunfall seitens der AAA (association des assurances accidents) tatsächlich anerkannt. Und dabei waren bei den 7 nicht anerkannten 2 Fälle dabei, mit einem Arbeitsausfall von 46 bzw 59 Tagen. Als SYPROLUX sind wir deshalb auch der Meinung, bei einer statistischen Analyse man sich nicht nur auf anerkannte Arbeitsunfälle in Folge von Übergriffen beschränken kann, da dieser Vergleich nicht die realen Gegebenheiten widerspiegelt.
Klare Kante gegen Gewalt
Als SYPROLUX fordern wir, dass jeder Akteur im und rund um den öffentlichen Transport weiterhin effiziente Massnahmen gegen Übergriffe auf die Mitarbeiter:innen unternimmt. Das in vollem Bewusstsein, dass Schutzmassnahmen ihren Preis haben.
Zu den Massnahmen, im baulichen, technischen, sowie operativer Bereich, zählen wir als SYPROLUX:
• eine angepasste Gestaltung unserer Unterführungen durch weniger tote Winkel und verbesserte Belichtung,
• eine verbesserte Sauberkeit der Bahnhöfe und Haltestellen,
• den Ausbau mobiler Kameraüberwachung an Baustellen und Bahnübergängen,
• die Einführung einer Rufnummer in Zügen gekoppelt an eine Notrufzentrale.
• Als SYPROLUX setzen wir weiterhin auf menschliche Präsenz. Wir fordern daher:
• den Ausbau der Präsenz von Sicherheitsteams in unseren Zügen, Bussen, Bahnhöfen und an unseren Haltestellen,
• die Doppelbesetzung von Zügen mit Zugbegleitpersonal mit Blick auf Züge mit einer Kapazität von bis zu 1000 Reisenden,
• die Einführung des freiwilligen Gebrauchs der Bodycams für Mitarbeiter:innen im direkten Kontakt mit Kunden.
Für mehr Sicherheit und Schutz im öffentlichen Transport braucht es einen verbesserten gesetzlichen Rahmen. Als SYPROLUX drängen wir darauf,
• dass die Neufassung des Gesetzes zur Sicherheit im öffentlichen Transport endlich zur Abstimmung kommt,
• dass die Justiz den Tatbestand der Beleidigung des Beamten (outrage à agent) für die Eisenbahner:innen anerkennt,
• dass die Justiz eine Vereinfachung der Anzeigeerstattung (dépôt de plainte) prüft,
• dass die Justiz die Einführung eines Schnellverfahrens (référé) bei Angriffen gegen Mitarbeiter:innen des öffentlichen Transports prüft.
In Anbetracht der Entwicklung des öffentlichen Transports mit seiner steigenden Anzahl an Reisenden in Zügen, Bussen und in der Tram, unterstreichen wir als SYPROLUX nach wie vor die Notwendig der Gründung einer Polizeieinheit für den gesamten öffentlichen Transport auf der Schiene und der Strasse. Wir sind davon überzeugt, dass eine solche Struktur das Sicherheitsgefühl von Reisenden und Mitarbeiter:innen steigern würde, die Gewalt merklich eindämmen und den effektiven Schutz verstärken würde. Für ein Pilotprojekt würde ein Team von 12 Polizisten genügen. Die Politik müsste nur den nötigen Mut und Willen an den Tag legen.
Schutz und Sicherheit für Kund:innen und Mitarbeiter:innen sind unverhandelbar.
Mylène Bianchy